Jamel, woran erkennt man eine nachhaltige Großstadt-Mobilität?
Jamel Otmane: Für mich ist Mobilität dann nachhaltig, wenn Menschen wirklich eine Wahl haben. Man sieht dann nicht nur einfach viele Autos, sondern ein gutes Zusammenspiel aus Fußverkehr, Fahrrad, ÖPNV und gemeinsam genutzten Autos. Ein schönes Beispiel dafür ist der Hermannplatz in Kreuzberg. Da kann ich mich entscheiden: Viele Wege kann ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder ÖPNV erledigen. Wenn ich aber z.B. im Baumarkt Laminat kaufen möchte, nutze ich den cambio-Transporter gleich um die Ecke.
In der Stadtplanung muss ein Umdenken stattfinden. Wenn sich der Schwerpunkt vom Autoverkehr auf andere Verkehrsmittel verlagert, wird sich auch die Stadt verändern. Der öffentliche Raum würde nicht mehr überwiegend zum Abstellen privater Autos genutzt. Es gäbe mehr Platz für Bäume, Sitzgelegenheiten, Außengastronomie und spielende Kinder. Es gäbe Raum zur Begegnung und nicht einfach nur ein kostenloses Freiluftparkhaus für ungenutzte Pkw. Wie viel ruhiger und angenehmer könnte die Stadt dann sein!
Was wäre ein realistischer erster Schritt gegen Blechkolonnen?
Ein realistischer erster Schritt wäre, den öffentlichen Raum neu zu ordnen. Diese Flächen könnten schrittweise anders genutzt werden: für sichere Radwege, breitere Gehwege, Bäume, Lieferzonen oder Aufenthaltsbereiche.
Konkret umgesetzt bedeutet das dann im Alltag: Die Wege zu Haltestellen sind sicher und barrierearm, Radwege sind durchgängig, Busse und Bahnen fahren zuverlässig. Und für die Wege, bei denen man ein Auto braucht, gibt es gut erreichbare CarSharing-Fahrzeuge.
Wichtig ist dabei, nicht nur Parkplätze wegzunehmen, sondern gleichzeitig gute Alternativen auszubauen. Ich würde mit einzelnen Straßen oder Quartieren beginnen. Dort kann man zeigen, wie sich die Atmosphäre verändert, wenn weniger Durchgangsverkehr und parkende Autos den Raum bestimmen. Das lässt sich heute schon im Bergmannkiez in Kreuzberg beobachten. Früher wurde dort viel öffentlicher Raum von parkenden Autos beansprucht. Mittlerweile ist dort viel Platz entstanden, für Fußgänger*innen, Fahrräder, Bäume und Begegnung. So wird aus einer Straße, durch die man nur hindurchfährt, wieder ein Ort, an dem man sich gerne aufhält.
Wie funktioniert dein Mobilitätsmix im Alltag – und wo hakt es?
In meinem Alltag erlebe ich Mobilität als eine Kette: Ich gehe zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad zur Haltestelle, nutze Bus oder Bahn für längere Strecken und greife für bestimmte Wege – zum Beispiel größere Einkäufe, Transporte oder Fahrten außerhalb des ÖPNV-Netzes – auf ein CarSharing-Auto zurück. Reibungen gibt es eher dort, wo der ÖPNV unregelmäßig fährt oder nicht ausreichend vorhanden ist. Dies ist aber im innerstädtischen Bereich nicht der Fall.
Mein Arbeitsweg ist ein gutes Beispiel für einen einfachen Mobilitätsmix: Ich genieße meinen kurzen Spaziergang zur U-Bahn-Station Johannisthaler Chaussee und fahre von dort bis zur Station Gneisenaustraße. Anschließend ist es nur noch ein kurzer Fußweg zum cambio-Büro in Kreuzberg. Für mich zeigt das, dass man im Alltag nicht automatisch ein eigenes Auto braucht. CarSharing ist dann besonders interessant, wenn ich größere Einkäufe oder Lieferungen erledigen muss. Also genau für die Wege, bei denen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der U-Bahn nicht alles sinnvoll transportiert werden kann.