Was fehlt? Die positive Seite des CarSharings

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Allgemein
cambio CarSharing in Berlin (c) Ulf Büschleb / bcs e.V.

Unter dem Titel „Mit Vollgas in den Verkehrskollaps“ lief am Montag, dem 30.07.2018, ein Beitrag in der ARD, in dem CarSharing eine verkehrsentlastende Wirkung abgesprochen wurde. Schlimmer noch, CarSharing trüge dazu bei, das Verkehrsaufkommen in Städten zusätzlich zu belasten. Bereits im Vorfeld gab es in den Tagesthemen einen Beitrag mit einer ähnlichen Aussage. Beide Beiträge haben zu einigen Diskussionen, auch auf unserer Facebook-Seite, geführt.

Die Diskussion zum ARD-Beitrag auf unserem Facebook-Kanal

Die Diskussion zum ARD-Beitrag auf unserem Facebook-Kanal

Was den Beiträgen fehlt, ist schlichtweg die andere, positive Seite des CarSharings. Die Beiträge in der ARD bezogen sich nämlich nur auf die sogenannten Free Floater – Anbieter also, die ihre Fahrzeuge zusätzlich, zu den bereits vorhandenen privaten Pkw, im öffentlichen Parkraum abstellen. Dass es CarSharing aus gutem Grund bereits seit 30 Jahren in Deutschland gibt und die verkehrsentlastende Wirkung von stationsbasiertem CarSharing bereits mehrfach nachgewiesen wurde, haben die Autoren außer Acht gelassen.

Gemeinsam mit Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverband CarSharing e.V., möchten wir nun die Lücke, die die Beiträge in der ARD haben, schließen:

Bereits 2016 hat der Bundesverband CarSharing e.V. zusammen mit infas die verkehrsentlastende Wirkung von stationsbasiertem CarSharing in 12 innerstädtischen Wohngebieten deutscher Großstädte untersucht. Mit dabei die cambio-Angebote in Aachen, Bremen, Köln und Oldenburg. Es zeigte sich: Ein stationsbasiertes CarSharing-Fahrzeug ersetzt 8 bis 20 private Pkw. 78 Prozent der Nutzer leben in Haushalten ohne eigenes Auto. In der Summe fuhren die CarSharing-Kunden mehr ÖPNV und nutzen öfter das Fahrrad als vor der CarSharing-Teilnahme. Weitere Informationen zu dieser Studie finden sich hier.

Verkehrsentlastung durch CarSharing

Eine neue Studie für die Stadt Bremen kommt 2018 zu demselben Ergebnis: Die 14.000 CarSharing Nutzerinnen und Nutzer der Hansestadt haben mehr als 5.000 Pkw abgeschafft oder gar nicht erst nicht angeschafft. Auch hier gehen die CarSharing-Kunden öfter zu Fuß, nutzen öfter das Fahrrad und fahren öfter mit dem ÖPNV, seit sie zum CarSharing angemeldet sind. Und auch in Bremen ist das CarSharing ausschließlich stationsbasiert. Die Inhalte der Studie haben wir hier im Blog schon einmal zusammengefasst.

Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverband CarSharing e.V. erklärt:
„Der verkehrsentlastende Effekt des sogenannten Free Floating CarSharing wird zu Recht diskutiert. Diese Diskussion darf aber nicht dazu führen, die verkehrsentlastende Wirkung des CarSharing insgesamt infrage zu stellen. Stationsbasiertes CarSharing leistet nachgewiesenermaßen bereits seit Jahrzehnten, was es soll: Autobesitz, Autobestand und Autonutzung reduzieren.“

Ein CarSharing-Auto ersetzt bis zu 20 private PKW – mehr Platz für Lebensqualität. (Quelle: bcs e.V. www.carsharing.de)

Ein CarSharing-Auto ersetzt bis zu 20 private PKW – mehr Platz für Lebensqualität. (Quelle: bcs e.V. www.carsharing.de)

Stationsbasiertes CarSharing ist in Deutschland weit verbreitet

In Deutschland gibt es insgesamt rund 680 Orte mit einem CarSharing-Angebot. Nur sieben Großstädte werden unter anderem auch von Free Floatern bedient. An allen anderen Orten ist das CarSharing stationsbasiert. Auch die Mehrzahl der CarSharing-Fahrzeuge in Deutschland – nämlich rund 11.000 von 18.000 Fahrzeugen – wird von stationsbasierten CarSharing-Anbietern zur Verfügung gestellt. Damit ist Deutschland weltweit ein Leitmarkt für das stationsbasierte CarSharing.

bcs-Geschäftsführer Nehrke meint:
„Die mediale Aufmerksamkeit für das Free Floating lässt manchmal in Vergessenheit geraten, dass diese Variante weder von der Ausbreitung noch von der Entlastungsleistung her die Form des CarSharing ist, auf der der Schwerpunkt der Verkehrspolitik liegen sollte.“

Stationsbasiertes CarSharing als wichtiger Baustein zur Verkehrswende

Aktuell finden cambio-Kunden im Kundenbereich unsere alljährliche Kundenumfrage. Auch hier fragen wir regelmäßig ab, ob und wie viele Fahrzeuge parallel zur cambio-Nutzung abgeschafft wurden bzw. gar nicht erst angeschafft wurden.

Laut Kundenumfrage 2017 haben die über 3800 Teilnehmer aller 21 cambio-Städte pro cambio-Auto 11 private Pkw abgeschafft. In der vom Bundesverband durchgeführten Best Practice Studie im Jahr 2016 ersetzt ein cambio-Auto im urbanen Stadtzentrum sogar 20 private Pkw. Dieser Wert bestärkt uns darin, unser Angebot an stationsbasiertem CarSharing weiter auszubauen.

Wie sich das Stadtbild durch stationsbasiertes CarSharing verändern kann, zeigt dieses schöne Video der Stadt Den Haag:

Wenn das Thema CarSharing also im Zuge von Verkehrskonzepten und Verkehrswende diskutiert wird, darf es nicht ausschließlich um Free Floater gehen, die mit einem anderen Geschäftsmodell auf den Markt bzw. in die Städte drängen. Vielmehr muss das Augenmerk auch auf ebenjene Angebote gelenkt werden, die sich seit 30 Jahren erfolgreich in Städten etabliert haben.

Nicht umsonst hat die Politik inzwischen mit dem Carsharinggesetz (CsgG) Möglichkeiten geschaffen, öffentlichen Parkraum für stationsbasiertes CarSharing zur Verfügung zu stellen. Im Gesetz sind die verkehrsentlastenden Effekte des CarSharing ausdrücklich hervorgehoben.

Wir sind also mit unserem Angebot auf einem guten Weg zur Verkehrswende und werden uns auch durch einseitige Berichterstattungen nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen.

Update 10.01.2019:
Im Zuge des EU-Forschungsprojektes STARS hat der Bundesverband CarSharing e.V. erstmals die Entlastungsleistung unterschiedlicher CarSharing-Varianten untersucht. Neben dem stationsbasierten Angebot wurden auch Free-Floating und kombinierte Angebote abgefragt. In Köln, Frankfurt und Stuttgart wurden die Teilnehmer zum Besitz eines privaten Pkw im Haushalt zum Zeitpunkt vor und nach dem Beginn der CarSharing-Nutzung befragt.

Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Die Nutzer von Free-Floating-Angeboten haben zwar zu Beginn der CarSharing-Nutzung knapp 18 Prozent ihrer Fahrzeuge abgeschafft, kauften sich jedoch später wieder einen eigenen Pkw und nutzen demnach das Free-Floating-CarSharing eher als Ergänzung zum eigenen Auto.

Die Nutzer stationsbasierter Angebote hingegen verringerten die Anzahl der eigenen Fahrzeuge im Haushalt um zwei Drittel, was deutlich belegt, dass diese Nutzergruppe CarSharing als echte Alternative für einen eigenen Pkw nutzt.

Fragen zum CarSharing oder Anmerkungen? Wir freuen uns auf Kommentare!

(Text: Gunnar Nehrke, Bundesverband CarSharing e.V. / Carolin Hinz, cambio CarSharing / Fotos: bcs e.V.)

6 comments

  1. Thomas

    Meiner Meinung nach macht dieses stationsbasierte Carsharing gar keinen Sinn. Als würde ich 800 Meter zur nächsten Station laufen um mir dort ein Auto zu holen und dann einkaufen zu fahren, um im Anschluss das Auto wieder zurück zu bringen und dann nach Hause zu laufen… entweder schleppe ich dann trotzdem die Einkäufe von der Station nach Hause, oder ich fahre 25 mal hin und her… ich müsste das Fahrzeug da abstellen können, wo ich hin muss.
    Wenn ich von A nach B fahre, und mich dort länger aufhalte, wäre das Fahrzeug über Stunden blockiert, könnte nicht von anderen genutzt werden, und zu allem Überfluss gibt es an der Station einem freien Parkplatz, der nicht von anderen Fahrzeugen genutzt werden kann, und das bei einer ohnehin schon schlechten Parkplatzsituation. Ursprünglich kannte ich Carsharing nur von DriveNow in Berlin – optimal umgesetzt. Über die App kann man die verfügbaren Fahrzeuge in der Umgebung mit jeweiligen Standort sehen und buchen, man fährt dahin wo man hin will, und stellt es einfach wieder am Straßenrand ab. Keine Verschwendung von Parkplätzen, optimale Auslastung der Fahrzeuge, und das wichtigste: man muss das Fahrzeug nicht jedes Mal zurück bringen. Wenn man sich irgendwo länger aufhält, kann das Fahrzeug von anderen genutzt werden.
    Ich bin seit etwa 1,5 Jahren Kunde bei Cambio, damals angemeldet in Unkenntnis über das stationsbasierte System. Seitdem exakt kein mal ein Fahrzeug genutzt. Wenn, würde sich das bei mir ausschließlich für OneWay-Fahrten anbieten… zb. ist man zum Essen verabredet und trinkt etwas, Auto hin, Taxi zurück. Nun handhabe ich es so wie früher auch, Taxi hin, Taxi zurück.
    Wenn das eigene Auto in der Werkstatt ist, würde es sich auch wunderbar anbieten, auf Carsharing auszuweichen… aber…. ich fahre dann mit einem Fahrzeug morgens 20 min. zur Arbeit, da steht es dann 8 Stunden und ist blockiert, dann fahre ich 20 min. wieder nach Hause. Wer denkt sich bitte so ein System aus!?
    Ich hoffe, dass irgendwann Cambio diese stationsbasierte Lösung abschafft oder DriveNow nach Aachen kommt, denn alles andere macht in meinen Augen wenig Sinn und ist auch nicht wirklich zeitgemäß.

    1. cambio CarSharing Deutschland

      Jede Form von CarSharing hat ihren ganz bestimmten Nutzungszweck. Unser stationsbasiertes System eignet sich sicher nicht für spontane Kurztrips, von A nach B. Da würden wir die Nutzung des ÖPNV vorziehen. Und ganz sicher ist unsere Fahrzeugnutzung auch nicht für die tägliche Pendelei zur Arbeit gedacht. Auch da gibt es bessere Verkehrsangebote.

      Aber für Verkehrsteilnehmer, die in ihrem individuellen Mobilitätsverhalten je nach Bedarf auf das passende Verkehrsmittel zugreifen (die eigenen Füße, Fahrrad, ÖPNV oder eben ein Auto), passt unser Angebot sehr gut. Das bestätigen uns unsere Kunden seit 20 Jahren und wird auch in zahlreichen Studien belegt.

      Uns ist bewusst, dass unser Angebot nicht für Jedermann und Jedefrau passt bzw. dass unser Angebot nicht zu allen Lebenssituationen passt, aber für viele Menschen bieten wir eine echte Alternative zum eigenen Fahrzeug.

      Viele Grüße,

      Ihr cambio-Team

  2. Ingrid Heintz

    Einer der wichtigsten Vorteile von Cambio war von Anfang an, dass ich beim Nachhausekommen keinen Parkplatz suchen muss. Damit habe ich viel Zeit gespart. Ein anderer Vorteil ist für mich, dass sich jemand anderes um das Auto kümmert. Ich brauche nicht in die Werkstatt oder zum TÜV, muss nicht immer wieder alle Flüssigkeitsstände kontrollieren und auch der halbjährliche Reifenwechsel entfällt. Ich habe mich statt ein neues Auto zu kaufen, für CarSharing entschieden und es noch nie bereut.

  3. Jochen Plate

    Auch wir fahren sehr viel mehr mit dem Rad seit wir unser Auto abgeschafft und Cambio beigetreten sind. Grundsätzlich finde ich es gut dass es feste Stationen gibt. Ich glaube, dass es bei der Vielfalt der Fahrzeuge- vom Smart bis zum Transporter – auch nicht anders geht. Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen ich könnte hier los fahren und den Wagen in Düsseldorf abstellen.

  4. Eckhard

    FreeFloating scheint mir für Bremen tatsächlich nicht sinnvoll zu sein. Aber ich fände es praktisch, wenn Cambio eine Einwegmiete zwischen ausgewählten großen Stationen einführen würde – mit Pflicht zum Buchen einer späteren Rückfahrt im Laufe des Tages. So könnten z.B. Cambionauten aus entfernteren Stadtteilen Richtung Innenstadt fahren und den Wagen z.B. an der Station Rembertiring abstellen, die dafür ein bis zwei freie Parkplätze bereithalten müsste. Während der Erledigungen des Kunden in der Innenstadt würde der Wagen für andere Kunden bereitstehen, bis der Einweg-Bucher später wieder zur Ausgangsstation zurückkehrt. Sinnvoll wäre diese Lösung für solche Kunden, die größere Sachen zu transportieren haben und dafür nicht ohne Weiteres die BSAG nutzen können. Zumindest einen Testdurchlauf sollte Cambio wagen.

    1. cambio-Team Bremen

      Praktisch wäre es im Einzelfall tatsächlich. Allerdings müssten wir dann an diesen Stationen Parkplätze vorhalten, die nur darauf warten, ab und an beparkt zu werden, während jemand einkauft. Sonst würden sie leer stehen. Gerade in Innenstadtlagen sind Parkplätze aber überhaupt nur noch sehr schwer zu bekommen und auch teuer. Deshalb ist der Nutzen insgesamt wohl größer, wenn wir die Parkplätze fest einem einzigen Auto zuordnen, das dort rund um die Uhr abgeholt und zurückgebracht werden kann.

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