Parking Day: Parks statt Parkplätze

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Das Platzmobil der Initiative "Platz für Wien".

Am dritten Freitag im Monat September findet seit 2005 der Parking Day statt. Öffentlicher Parkraum wird kurzzeitig in Parkanlagen, Gastronomiebereiche oder Fahrradabstellflächen umgewidmet. Der Aktionstag zeigt, wie viel lebenswerter eine Stadt sein kann, wenn es mehr Platz für die Menschen statt für Autos gibt.

cambio hat sich in den vergangenen Jahren immer am Aktionstag beteiligt und tut es auch in diesem Jahr, zum Beispiel in Aachen und Bremen. Aber uns und anderen Aktiven reicht es nicht, einen Tag im Jahr Parkraum für die Menschen zu öffnen. Vielmehr arbeiten wir seit 30 Jahren daran, weniger Autos in der Stadt zu haben, um die Lebensqualität aller zu erhöhen.

Verkehrswandel durch die Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat neuen Schwung in die Verkehrswende gebracht: Kneipen und Restaurants verlegen ihre Sitzplätze nach draußen und beanspruchen mehr Fläche auf Gehwegen. Fahrräder sind nahezu ausverkauft, weil die Menschen lieber aufs Rad als in einen vollen Bus steigen. Fahrten mit Dienstwagen finden seltener statt, weil die Angestellten von zuhause arbeiten und Vertriebstermine digital stattfinden. Gleichzeitig denken mehr Menschen, die bisher gut ohne eigenes Auto ausgekommen sind, über die Anschaffung eines Pkw nach, um nicht mehr auf den ÖPNV angewiesen zu sein.

Viele Restaurants verlegen ihre Sitzplätze nach draußen - gut, wenn dann noch Platz für Fußgehende und Radfahrende bleibt. Die Autos dürfen gern weichen.

Viele Restaurants verlegen ihre Sitzplätze nach draußen – gut, wenn dann noch Platz für Fußgehende und Radfahrende bleibt. Die Autos dürfen gern weichen.

Kurz: Es ist alles in Bewegung und der Platz in der Stadt muss neu verteilt werden.

Einige Länder haben auf das geänderte Verkehrsverhalten vorbildhaft reagiert, andere tun sich mit dem Wandel schwerer.

Frankreich: 60 Millionen für den Radverkehr

Frankreich wurde direkt viel stärker von Corona getroffen als Deutschland. Hohe Infektionszahlen führten zu Ausgangssperre und Stillstand. Aber eben auch zu einem Umdenken in der Verkehrspolitik. 60 Millionen Euro steckt das Land in die Förderung des Radverkehrs – für Radwege, Kurse und Reparaturen. Allein in Paris sind mit Beginn der Corona-Krise 30 Prozent mehr Radfahrende unterwegs als vorher. Einzelne Straßen und ein Tunnel an der Seine wurden autofrei. Das Radwegenetz (mit geschützten Radwegen) soll weiter ausgebaut werden. Mehr dazu im Beitrag und Video der ARD:

Die Förderung des Radverkehrs ist aber nur ein Baustein zur Verkehrswende. In Paris verursachen hauptsächlich Pendler*innen den Autoverkehr. Also, muss im gleichen Zuge auch das Netz des ÖPNV stärker ausgebaut werden. Aber auch daran arbeitet Frankreich.

Österreich: Blaupause Wien

Schon lange vor der Corona-Krise wurde in Wien die Verkehrswende vorangetrieben: Autofreie Zonen, Stadtbegrünung, 365-Euro-Jahresticket für den ÖPNV, das jetzt auch in NRW diskutiert wird. An Wien können sich etliche andere Großstädte ein Beispiel nehmen.

Doch auch hier hat Corona noch einmal Schwung in das Thema Verkehrswende gebracht. Fuhren in 2019 nur 7 Prozent aller Wiener*innen mit dem Rad, wuchs diese Zahl in 2020 um etwa 25 Prozent. Straßensperrungen und Pop-Up-Radwege waren die schnelle Antwort.

Ein neues Verkehrskonzept möchte den Autoverkehr zurückdrängen. Bis 2025 soll der Anteil des Autoverkehrs nur noch ein Fünftel betragen. Schon jetzt liegt er nur bei einem Viertel, was vor allem der starken Nutzung des ÖPNV zu verdanken ist. Da der ÖPNV mit dem 365-Euro-Jahresticket so stark ist, wurde der Radverkehr bisher eher vernachlässigt. Daher gibt es auch in Wien Initiativen, die sich für mehr Platz für Radfahrende einsetzen. Hier ein Beitrag über „Platz für Wien„, deren „Platzmobil“ wir oben im Titelbild dieses Beitrags zeigen:

Aktuell hat eine Bemerkung von US-Präsident Trump über österreichische Waldstädte für Erheiterung gesorgt. Sehenswert ist die Antwort von Birgit Hebein, Zweite Bürgermeisterin von Wien:

Aber ganz im Ernst: Wald- und Schwammstädte wird es in Zeiten des Klimawandels in Zukunft noch viel mehr geben müssen.

Und Deutschland? Zwischen Autogipfel und Aufbruchstimmung

Verkehrspolitik in Städten ist in erster Linie ein lokales Thema. Daher hängt viel vom Willen der Stadtregierung und dem öffentlichen Druck ab. In Berlin war der Leidensdruck durch die Corona-Krise groß genug, um Pop-Up-Radwege und die autofreie Friedrichstraße zu schaffen. Dass sich das Thema „Pop-Up-Radwege“ nun vor Gericht wiederfindet, kann fast schon als „typisch Deutsch“ bezeichnet werden. Auch in Hamburg wurde die autofreie Zone in Ottensen gerichtlich fürs Erste gekippt. Mitunter mangelt es also nicht einmal am politischen Willen sondern schlichtweg an der entsprechenden Gesetzeslage. Aber auch Gesetze können geändert werden – so es denn gewollt ist.

Dass auf Bundesebene der Wille zur Verkehrswende eher nicht so groß ist, zeigen der Autogipfel und auch das nicht ausgeschöpfte Budget für den Radverkehr. 50 Millionen Euro, die für den Bau von Radschnellwegen gedacht waren, wurden schlichtweg nicht genutzt. Stattdessen wurden für 12 Millionen Euro Bundesstraßen aus dem Topf für Radwege gebaut. Bei diesen und anderen Beispielen der Politik des Verkehrsministeriums können wir fast schon froh sein, dass die allgemeine Abwrackprämie bisher ausgeblieben ist.

Mehr Platz für Fußgehende und Radfahrende erhöht nicht nur die Lebensqualität - es kommen auch mehr Menschen gleichzeitig voran. Ein Gewinn an Zeit und Lebensqualität gleichermaßen. (Quelle: VCÖ)

Mehr Platz für Fußgehende und Radfahrende erhöht nicht nur die Lebensqualität – es kommen auch mehr Menschen gleichzeitig voran. Ein Gewinn an Zeit und Lebensqualität gleichermaßen. (Quelle: VCÖ)

Insgesamt geht das Thema Verkehrswende in deutschen Städten nur sehr langsam voran, obwohl die positiven Beispiele aus Amsterdam, Kopenhagen und Gent nicht erst seit heute vorliegen. Wenn es nun Corona brauchte, um diesen Themen neuen Schwung zu geben, dann können wir der Pandemie bei allem Schrecken tatsächlich noch etwas Gutes abgewinnen.

Ausblick auf den Herbst

Was aber die bisherigen Beispiele zum Verkehrswandel unter Corona auch zeigen: Die Steigerung des Radverkehrs geht vor allem zu Lasten des ÖPNV. Die Menschen fürchten in der Regel eine Ansteckung in Bus oder Bahn. Diese Angst wird sich auch nur schwer nehmen lassen, auch wenn die bisherigen Zahlen zeigen, dass sich die Menschen eher an anderen Orten (Arbeitsplatz, Familienfeiern, Urlaub) angesteckt haben.

Schon ganz schön. Aber wie viel schöner wäre es, wenn hier Platz zum Spielen wäre?

Schon ganz schön. Aber wie viel schöner wäre es, wenn hier Platz zum Spielen wäre?

Und was bringt dann der Herbst? Steigen die Menschen vom Fahrrad ins Auto? Das wäre ein Rückschritt. Der Autoverkehr in den Städten muss so unattraktiv wie möglich werden – durch Citymaut, hohe Parkgebühren, weniger Parkraum. Gleichzeitig muss der Verkehrsraum für Radfahrende und Fußgehende größer werden und der ÖPNV gestärkt werden. Nur so kann Verkehrswende in der Stadt gelingen und jeder Tag zum Park(ing) Day werden.

(Text: Carolin Hinz / Fotos: Platz für Wien, VCÖ, Carolin Hinz)

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